Bereich Psychosomatik

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Psychosomatische Therapie von Jugendlichen

Psychosomatische Erkrankungen im Jugendlichenalter sind in ihrer Ausformung geprägt durch die sensible Zeitspanne, in der das Individuum schon kein Kind mehr ist, aber auch noch kein Erwachsener. Die Unsicherheit dieser Lebensphase bedarf einer besonders umfassenden therapeutischen Herangehensweise.

Die Schwierigkeiten, mit denen die 12 bis 19jährigen Jugendlichen zu uns kommen, äußern sich vorwiegend als Essstörungen (Magersucht, Ess-Brech-Sucht und Esssucht mit Übergewicht). Dazu kommen emotionale Störungen (z. B. verlängerte Trauerreaktion nach Trennungen in der Familie), Somatisierungsstörungen (z. B. Kopfschmerzen bei schulischer Überforderung) und Störungen des Verhaltens (z. B. fremd- und selbstaggressive Verhaltensweisen).

Das Behandlungskonzept umfasst ein Vorgespräch, das mit den Jugendlichen und den mit angereisten Bezugspersonen – meistens den Eltern – durchgeführt wird. Hier werden Behandlungsmöglichkeiten besprochen und Behandlungsstrategien vorgeplant. Die Jugendlichen können Therapieziele und -wünsche äußern und Fragen zum Therapieablauf beantwortet bekommen.

Insgesamt dauert die Therapie zwischen sechs und zwölf Wochen. Während der stationären Maßnahme findet kein regulärer Schulbesuch statt, da die Jugendlichen in verschiedenste Therapieangebote eingegliedert sind.

Diese Angebote sind in einen integrativen Therapieansatz eingebettet, in dem tiefenpsychologische sowie verhaltens- und familientherapeutische Methoden zusammen mit körperbezogenen und informationsorientierten Angeboten jeweils zu einem individuellen Behandlungssetting abgestimmt werden. Dabei geht es, jeweils mit unterschiedlichem Schwergewicht, immer um :

  • den Umgang mit Gefühlen (Trauer, Ärger, Wut, Angst, Scham, Unterlegenheit, ...) und die Funktion von Vorstellungen, Gedanken und Glaubenssätzen („es hat doch alles keinen Sinn“, „ich bin sowieso immer die Schlechteste“, „bloß keinen Streit“, ...)



  • konkretes Handeln (Essen, Sport, Sich durchsetzen, ...)



  • die Gestaltung von Beziehungen zu anderen Menschen bzw. Positionen in Gruppen und Institutionen (zu den Eltern, Freunden, Lehrern, ...)



  • das Wahrnehmen meines Körpers bzw. körperbezogener Empfindungen (Körperbild, Entspannung, Aufmerksamkeit, ...)


Am Beispiel des untenstehenden Wochenplanes könnt ihr die einzelnen Therapiebausteine näher kennen lernen.

MontagDienstagMittwochDonnerstagFreitagSa /So
Frühsport
Frühstück
VormittagGruppen-
therapie
Gruppen-
therapie
Bewegung-
stherapie
Bewegungs-
therapie
Gruppen-
therapie
LehrkücheChefarzt-
visite
Ernährungs-
beratung
Mittagessen
VormittagEinzel-
therapie
SchwimmenSportVoll-
versammlung
Familien-
gespräch
SoziotherapieSoziotherapieSoziotherapieSoziotherapieSoziotherapie
Abendessen
abendsSoziotherapie



Einzel-Psychotherapie: Die Jugendlichen haben für die gesamte Behandlungszeit einen eigenen Bezugs-Therapeuten, mit dem man Einzelgespräche führt und der auch die Gruppen-Gesprächs-Psychotherapie leitet. In den Einzelgesprächen kann man von seinen Schwierigkeiten erzählen und gemeinsam mit dem Therapeuten eigene Ziele für die Behandlung herausfinden oder grobe Ziele genauer fassen. Während der gesamten Behandlungsdauer dienen die Einzelgespräche auch dazu, Schritte für die Bewältigung der Schwierigkeiten bzw. der der Störung zugrunde liegenden Konflikte zu planen und zu prüfen, wie weit man ist, was hilfreich war bzw. was nicht und warum. Und was als nächstes passieren sollte.

Gruppen-Gesprächpsychotherapie: In diesem Therapiebaustein haben die Jugendlichen die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. Dabei wird deutlich, dass einige trotz unterschiedlicher Lebensläufe oft ähnliche Erfahrungen gemacht haben und auf ähnliche Probleme gestoßen sind (Trennung der Eltern; Mobbing durch Gleichaltrige; zu wenig Verständnis; falsche Freunde; ...). Weil in der Gruppe jeder die anderen aus seiner Perspektive erlebt, hat man die Chance, etwas über sich zu erfahren, was man so noch gar nicht bemerkt hat. Außerdem können in der Gruppentherapie bestimmte Dinge ausprobiert werden, die nachher besser klappen sollen als vorher, beispielsweise in Rollenspielen

Bewegungstherapie: Durch analytisch orientierte Körpertherapie kann es gelingen, die innerseelischen Konflikte, die sich auch auf Körperebene darstellen, zu behandeln. Für Patienten mit Essstörungen geht es dabei häufig um Körperschema- und Selbstbildstörungen, bei Jugendlichen mit Somatisierungsstörungen sind es manchmal Beeinträchtigungen der Körperwahrnehmung, und für viele Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten besteht die Therapie im Überwinden von Aufmerksamkeitsdefiziten.

Frühsport: Hieran nehmen alle teil, egal, ob die Jugendlichen Probleme mit dem Aufstehen haben oder mehr Bewegung brauchen als andere in ihrem Alter. Anfangs ist es ziemlich nervig, sich um kurz vor sieben Uhr aus dem Bett zu quälen, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran, und dann ist es ziemlich abgefahren, im Frühnebel durch den Wald zu joggen, um dann auf einer Waldlichtung ein Workout hinzulegen, daß sich Hase und Igel ganz schön wundern, wie fit die Jugendlichen schon um diese Uhrzeit sind.

Chefarztvisite: Hier gehen die Behandler zu den Jugendlichen aufs Zimmer. Therapeut, Ärzte und der Chefarzt fragen nach dem Stand der Therapie. Die Jugendlichen können Kritik anbringen oder sagen, was sie stört. Manchmal ist es nicht ganz einfach auszuhalten, dass sich die Erwachsenen so ernst mit und über die Jugendlichen unterhalten.

Familiengespräche: Durch Heranziehen der Familienangehörigen kann versucht werden, die Erkrankung im Familiensystem zu verstehen und die Familienmitglieder auf dem Weg zu einem gesünderen Miteinander zu begleiten. Dazu sitzt man mit seinem Therapeuten und seinen Eltern (und vielleicht auch Geschwistern oder anderen wichtigen Menschen aus dem eigenen Umfeld) zusammen und redet oft ganz anders miteinander, als man es bislang gewohnt war. Sicherlich liegt das daran, dass ein Therapeut dabei ist und der auch manchmal merkwürdige Fragen stellt.

Angehörigenseminar: Das ist eigentlich eine ganz tolle Sache, weil die Eltern, enge Freunde oder Geschwister mit in die Therapie kommen. So gesehen ist es natürlich auch ein wenig aufregend, weil man ja nie vorher so genau weiß, was die lieben Eltern dort so erzählen werden, und Geschwister können ja manchmal auch ein wenig nerven. Insgesamt geht es aber wohl darum, dass man sich über den Umgang mit der Krankheit austauscht, was schon für Therapien versucht wurden, was vielleicht geholfen hat und was nicht so, und vielleicht ist es für die Angehörigen mal ganz gut, dass es auch andere Familien gibt, in denen jemand z. B. eine Essstörung hat.

Sporttherapie: Also hier scheiden sich die Geister: Die einen finden Sport total super, andere sind ganz schön angenervt von den Bewegungsangeboten. Außerdem ist das beim Schwimmengehen ja auch so eine Sache, wie zufrieden man mit seinem Körper ist. Insgesamt ist also ziemlich klar, warum Sport gemacht wird, weil ja in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohnen kann. Aber warum muss das oft so anstrengend sein? Hier soll erreicht werden, dass die Jugendlichen vorwiegend miteinander Sport treiben. Viele von uns sind ja eher so Gewichtsfetischisten und machen total viel individuelle Betätigung. Da ist es dann vielleicht ganz gut, mal wieder eine Idee dafür zu bekommen, dass Sport ja auch etwas mit Gemeinschaft und Spaß zu tun haben kann.

Erlebnistherapie: Das ist einerseits so eine Art Mix aus Gruppentherapie, Bewegungstherapie, Sporttherapie und Soziotherapie und andererseits das Bewältigen bestimmter Aufgaben, die Spaß machen, die zunächst aber auch Streß und Unsicherheit auslösen können: ein Wehr überqueren; im Seilgarten eine Gruppenaufgabe lösen; den Kletterturm hochklettern oder sich von einer Brücke abseilen; in einer Großstadt ungewöhnliche Teilgruppen-Aufgaben lösen; für mehrere Tage eine Kanutour machen. Man kann dabei deutlich eigene Stärken erleben und erfahren, wo man noch Reserven hat. Wenn man etwas geschafft hat, stellt sich ein richtig gutes Gefühl ein!

Vollversammlung: Die Vollversammlung findet einmal in der Woche statt. Die ganze Abteilung Psychosomatik (Patienten, Ärzte und Therapeuten) trifft sich für eine ¾ Stunde, um über aktuelle Probleme des Miteinanders zu diskutieren, Neuankömmlinge zu begrüßen und Abreisende zu verabschieden. Die Patientengruppen (Jugendliche sind z.B. auch eine Gruppe) leiten die Versammlung selbst. Jede Woche ist eine andere Gruppe an der Reihe.

Frühstück: Zum Frühstück gibt es eine große Auswahl an Cornflakes und Teigwaren. Natürlich gibt es auch eine riesige Menge an Marmeladen. Doch zum Frühstück darf man natürlich Kaffee nicht vergessen. Wer den nicht mag, trinkt Tee oder Kakao. Für die essgestörten Jugendlichen ist ein Tisch reserviert. Guten Appetit!

Mittagessen: Zum Mittagessen gibt es immer drei verschiedene Gerichte, wobei man zwischen vegetarischer Kost, Schonkost und Vollkost selbst entscheiden kann. Dazu gibt es Salat und eine Vor- und Nachspeise. Essgestörte haben feste Essenszeiten.

Abendbrot: Zur Auswahl stehen verschiedene Sorten Brot, Käse, Wurst sowie Joghurt, Quark, Cornflakes und Müsli in Büffetform. Abwechselnd gibt es Salate, verschiedene Gemüsesorten oder/und Obst. Suppe, Marmelade, Honig und Äpfel gibt es täglich zusätzlich.

4. Ehemaligentreffen der Abteilung für Kinder- und Jugendlichenpsychosomatik

Am Samstag, dem 13. August 2005, führte die Abteilung für Kinder- und Jugendlichenpsychosomatik das 4. Ehemaligentreffen durch. Angemeldet hatten sich ca. 50 Ehemalige, die teils in Begleitung ihrer Eltern, Geschwister und Freunde erschienen.

Nach der Begrüßung in der festlich geschmückten Gymnastikhalle wurde in der Austauschrunde des Vormittages Wert darauf gelegt, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit in der Therapie aufleben zu lassen. Hierzu traf man sich z. B. im Hexenhaus, um dort alte Gruppenfotos anzuschauen. Die Jugendlichen berichteten in zwangloser Atmosphäre über die Bewertung der während der Therapie gemachten Erfahrungen aus der Rückschau nach der Monate bis Jahre zurückliegenden Therapie. Hierbei entstand der Eindruck, dass die Mehrheit der Anwesenden ihre Therapie durchaus angenehm in Erinnerung hatten.

In der Gruppenarbeit mit den Angehörigen erlebten wir in diesem Jahr ausschließlich anerkennende und wertschätzende Rückmeldungen für unsere Arbeit. Gemeinsam war die Erfahrung, dass der Klinikaufenthalt einen Einschnitt und eine Verbesserung darstellte, diese Verbesserung sich häufig aber in einem besseren Umgang von Betroffenen und Angehörigen mit der Symptomatik widerspiegelt und nicht so sehr in deren Verschwinden. Hier scheint inzwischen tatsächlich die Erwartung besser mit den real erzielbaren Ergebnissen überein zu stimmen. Die Eltern tauschten sich über ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Abgrenzung gegenüber der Symptomatik der Jugendlichen aus.

Die Gruppen am Nachmittag hatten Gesprächs- und Erlebnischarakter. Frau Münzberg bot die alle Jahre wieder nachgefragte Expedition mit abenteuerlicher Bachüberquerung an, Frau Haßlöcher nutzte die Natur und das Klinikgelände für eine Symbolsuche mit Erfahrungsaustausch, während Frau Gralka übungen im Seilgarten anbot. In der Gesprächsrunde mit den Eltern tauschten sich diese sehr aufeinander bezogen über die Möglichkeiten der Unterstützung der Kinder in ihrer jeweiligen Lebenssituation aus.

Nach einem gemeinsamen Kaffeetrinken konnten die meisten Teilnehmer Freude an dem Waldspaziergang finden, während der Rest sich zu einer lockeren Gesprächsrunde zusammenschloss. Hier waren neben dem Gesprächsbedarf wohl hauptsächlich auch vorhandene Kleidung und Schuhwerk ausschlaggebend, welcher Gruppe man sich zuordnete.

Bei der offiziellen Verabschiedung war noch einmal Zeit, eine Rückmeldung über den Tag zu geben und eine Aussicht für die Zukunft. Deutlich wurde hierbei wieder das Bedürfnis vieler Jugendlicher, sich nach einer mehrwöchigen Therapie in gewissen Zeitabständen wiederzusehen. Teilweise zeigten sie sich enttäuscht darüber, dass einige Jugendliche, auf die sie sich bereits gefreut hatten, nicht gekommen waren. Bei uns Mitarbeitern überwog eher die Freude über die Angereisten und die von ihnen mitgebrachten Erfahrungen.

Für uns war auch dieses Ehemaligentreffen wieder geeignet, uns in unserem Eindruck zu bestärken, dass in der stationären Psychotherapie auch unter der Bedingung kürzer werdender Zeiträume wesentliche Veränderungen angebahnt und Entwicklungsrichtungen verändert werden können. Dafür und für die vielfältigen persönlichen (Wieder)-begegnungen bedanken wir uns bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ganz herzlich.

Das Team der Abteilung Kinder- und Jugendlichenpsychosomatik


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